Geschichten einer Generation mit Papst Franziskus
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Geschichten einer Generation – mit Papst Franziskus

Inhalt / Kritik

Geschichten einer Generation mit Papst Franziskus
„Geschichten einer Generation – mit Papst Franziskus“ // Deutschland-Start: 25. Dezember 2021 (Netflix)

Ein bisschen bizarr ist der Anfang von Geschichten einer Generation – mit Papst Franziskus schon. Da setzt sich selbiger nach seiner Ankunft auf einen Stuhl und durchläuft das übliche Prozedere, wenn sich eine Filmcrew drehfertig macht, bekommt das Mikrofon zurechtgerückt und lässt den Tontest über sich ergehen. Vielleicht soll das alles ihn menschlicher wirken lassen oder einfach die Laufzeit verlängern? Die Intention, das alles zu zeigen, statt es auf den Boden im Schneideraum zu lassen, wo es hingehört, wird jedenfalls nicht klar. Das Surrealste aber ist, dass da der Vorstand einer der reichsten Organisation der Welt sitzt, und die (vermutlich) erste oder zweite Kameraassistentin vor seinem Gesicht in die Hände klatscht statt eine Synchronklappe zu benutzen, als wären wir hier bei irgendeinem gammligen Studentendreh.

Liebe, Träume, Kampf und Arbeit

Papst Franziskus war es immer ein öffentliches Anliegen, Brücken zu bauen; das beinhaltet auch, alt und jung zu verbinden. Nach dem eigenwilligen Einstieg adressiert er dies dann direkt im ersten Satz und legt den Grundstein für Geschichten einer Generation – mit Papst Franziskus. Filmemacher unter 30 Jahren interviewen beziehungsweise begleiten Menschen, welche 70 Jahre oder älter sind. Das Ganze erstreckt sich über vier etwa dreiviertelstündige Episoden, jede einzelne davon steht unter einem anderen Thema: Liebe, Träume, Kampf, Arbeit. Die überwiegende Mehrheit der vorgestellten Personen sind sozusagen x-beliebige Leute von der Straße, doch gleich die erste Folge wartet mit bekannteren Kalibern auf: Filmemacher Martin Scorsese gewährt seiner Tochter Francesca Scorsese intime Einblicke in sein Privatleben, insbesondere in Hinsicht auf ihre Mutter, Helen Morris, mit welcher der Regisseur seit 1999 verheiratet ist. Allein dafür mag die Serie für den ein oder anderen schon einen Blick wert sein, es geschieht ja nicht allzu oft, der privateren Seite Scorseses habhaft zu werden.

Zwischen Glückskeksen und geistiger Reife

Wie ausgerechnet der qua Amt zölibatär lebende Summus Pontifex Profundes zum Thema Liebe zu sagen haben soll, mag zunächst verwundern. Was er aber über die verschiedenen Facetten des Begriffs, etwa Elternschaft (ebenfalls etwas, mit dem er schwerlich in Verbindung zu bringen sein wird), von sich gibt, ist dann aber doch relativ solide, wenn auch nicht weltbewegend neu. Papst Franziskus glänzt ansonsten immer wieder mit vermeintlich tiefgründigen, abgegriffenen Weisheiten wie: „Menschen, die nicht träumen können, fehlt etwas.“ Wäre er nicht gerade Oberhaupt der Katholischen Kirche, es entstünde fast der Eindruck, er hätte den Spruch von einem Glückskekszettel gelernt. Die Geschichten der vorgestellten Menschen sind hingegen überwiegend interessant und teilweise inspirierend. Auch wenn die Serie jung und alt verbinden möchte, ist sie aufgrund einiger Erzählungen für die ganz jungen doch eher ungeeignet, ein wenig geistige Reife ist schon vonnöten.

Der Papst als Brückenbauer

Zeitweise avanciert Seine Heiligkeit vom Host zum Teilnehmer, auch über ihn bringen wir hier mehr in Erfahrung –zum Beispiel, dass er Scorseses Filme hervorragend findet. Das kann echt oder nur für die Kamera gesagt sein (schließlich bleibt die Geschichte des Filmemachers inhaltlich weit hinter so manch anderer hier präsentierten zurück, und befriedigt eher voyeuristische Neugier statt zu inspirieren; er scheint eher der Zielgruppenerweiterung wegen Teil der Serie zu sein), authentisch wirkt es allemal. Außerdem wäre es sicher nicht sehr christlich, dem Papst eine Lüge zu unterstellen. Darüber hinaus ist es interessant zu hören, dass er früher Dichter werden wollte und es ist faszinierend, wenn er in mehreren Episoden über seine Großmutter und der Verbindung zwischen den beiden spricht. Dennoch schwingt er sich nicht zur Hauptattraktion auf und hütet sich davor, die Geschichten der anderen Menschen zu überschatten. Hier ist der Stellvertreter Gottes auf Erden als Host eher der primus inter pares. Die Serie basiert nicht nur auf seinem Wunsch der Brückenbildung, sondern auch seinem 2018 erschienenen Buch Sharing the Wisdom of Time.



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„Geschichten einer Generation – mit Papst Franziskus“ möchte jung und alt verbinden sowie inspirieren. Das gelingt meistens, auch wenn sich zwischendurch etwas langweiligere oder abgegriffene Passagen in die Geschichten der Beteiligten mogeln.
Leserwertung3 Bewertungen
6.5