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Eigentlich hätte der Präparierkurs im Anatomie-Institut der Universität reine Routine sein sollen. Doch dann stellen sie fest, dass unter den Leichen eine ist, die dort gar nicht hingehört und auch nicht der Obduktionsakte entspricht. Institutsleiter Prof. Dr. med. Gregor Härtling (Jürgen Hentsch) erkennt sofort, dass es sich bei der Toten um die französische Chemikerin Dr. Amélie Blanc handelt. Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) übernehmen daraufhin die Ermittlungen. Dabei vermuten sie, dass der Mörder oder die Mörderin aus dem beruflichen Umfeld stammt, da jemand vom Fach die Leiche bearbeitet hat. Oder könnte doch ihr Ehemann Thierry (Silvan-Pierre Leirich) etwas mit der Sache zu tun haben?
Mord mit Humor
Bei den vielen Teams, die gleichzeitig den Tatort unsicher machen, braucht es schon etwas, wodurch das Publikum diese unterscheiden kann. Etwas, das sie unverwechselbar macht und eine eigene Note verleiht. Beim Münster-Duo ist das bekanntlich der Humor, wenn sich die zwei Figuren immer wieder komische Dialoge an den Kopf werfen. Hinzu kommen die skurrilen Figuren. Das gilt dann auch für Eine Leiche zu viel, der sechste von bislang mehr als vierzig Auftritten von Thiel und Boerne. Dass das Umfeld der Geschichte etwas morbide ist, wenn wir uns am Anatomie-Institut umsehen, hielt die Verantwortlichen nicht davon ab, auf Schritt und Tritt Humor zu suchen. Tatsächlich war die Vorgabe vom WDR, dass da möglichst viele Witze drin sein sollten, was Co-Autorin Dorothee Schön hingegen gar nicht komisch fand.
Wer nichts damit anfangen kann, wenn andauernd irgendwelche Witze gerissen werden, kann sich Tatort: Eine Leiche zu viel tendenziell dann auch sparen. Der 582. Teil der ARD-Krimireihe mag das mit der Mördersuche lieber etwas alberner. Daran hat auch Carola Regnier ihren Anteil, die hier das erste und leider letzte Mal Erika Boerne spielte, die Mutter des beliebten Rechtsmediziners. Immer wieder findet der sonst nicht auf den Mund gefallene Ermittler in ihr seine Meisterin. Die Art und Weise, wie sie den betont arroganten Akademiker in seine Schranken verweist, ist durchaus amüsant. So wie es einem immer Freude bereitet, wenn der Schnösel doch mal an seine Grenzen stößt bzw. ihm dieselben aufgezeigt werden.
Als Krimi uninteressant
Atmosphärisch ist Tatort: Eine Leiche zu viel auch ganz gut gelöst. Trotz des Hangs zum Klamauk gelingt es Regisseur Kaspar Heidelbach (Bombenstimmung, Bausünden), das Heitere und das Düstere in Einklang zu bringen. So bleibt immer ein Element des Bedrohlichen. Das Gefühl, dass da jemand in den Schatten lauert. Gleiches gilt für die Kombination aus persönlichen Geschichten mit dem allgemeinen Fall, wenn das Private und das Berufliche immer mal wieder in Konflikt geraten. Über Sinn und Zweck solcher Verwicklungen kann man sich natürlich immer streiten, in den letzten Jahren haben gerade TV-Krimis ein bisschen sehr exzessiv Querverbindungen hergestellt, um ganz billig Spannung erzeugen zu wollen. Hier funktioniert das besser.
Während beim Drumherum einiges richtig gemacht wurde, ist die Geschichte an sich leider nichts Besonderes. Die Mischung aus privaten und beruflichen Verdächtigen entspricht natürlich dem Standard, ohne aber dass man sich dabei kreativ verausgabt hätte. Ganz schwach ist dann sogar die Auflösung, die lieblos hingerotzt wurde nach dem Motto: „Irgendwas braucht es eben.“ Damit bleibt Tatort: Eine Leiche zu viel unter den Möglichkeiten. Es reicht für einen netten Abend vor dem Fernseher, vor allem für die Fans, die sich seit zwei Jahrzehnten nicht an Thiele und Boerne sattsehen können. Wer aber Wert darauf legt, einen guten Krimi zu sehen, der ist hier dann doch an der falschen Adresse.
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