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Dieses Mal hat sich Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) zu Weihnachten etwas ganz Besonderes einfallen lassen für seine Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec): Sie sollen einen Mordfall lösen. Ausnahmsweise handelt es sich dabei aber mal um einen lediglich fiktionalen Mordfall. Genauer wollen die drei gemeinsam mit Simone (Sunnyi Melles), Martin (Alexander Hörbe), Katrin (Katharina Schlothauer), Heidi (Marie Rathscheck) und Till (Joshua Jaco Seelenbinder) ein sogenanntes Krimidinner spielen, bei denen sie in verschiedene Rollen schlüpfen, um ein Verbrechen aufzuklären. Dabei verschwimmen schnell die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion …
Krimiabend mal anders
Eigentlich ist der Tatort ja eine feste Institution am Sonntagabend, wenn im Ersten alte wie neue Teile der Krimireihe gezeigt werden. Dann und wann rückt der Dauerbrenner aber auch auf einen Montag, wenn es die Feiertage hergeben. So auch 2022, wenn Mord unter Misteln einen Tag später als üblich gezeigt wird. Das bedeutet für das Publikum nicht nur, dass es sich 24 Stunden länger anderweitig beschäftigen muss, bis es wieder auf Mörderjagd geht. Aber auch in anderer Hinsicht ist der 1219. Teil der ARD-Dauerschleife in mehrerer Hinsicht eine Ausnahme. So gibt es mit Weihnachten einen klaren zeitlichen Bezug, was allenfalls mal an Halloween (Das Tor zur Hölle) oder zu Fastnacht (Kehraus) vorkommt. Noch größer ist die Umgewöhnung aber in Bezug auf das Verbrechen. Denn das gibt es gar nicht, zumindest nicht wirklich.
Genauer greift Tatort: Mord unter Misteln auf ein Thema zurück, welches sich seit einer Weile als Freizeitbeschäftigung größerer Beliebtheit erfreut: das Krimidinner. Dabei handelt es sich um eine Art Rollenspiel, bei der alle bestimmte Figuren in einer Geschichte übernehmen und gemeinsam einen Mord lösen müssen, den einer in der Runde begangen hat. Für den Freundeskreis ist das spaßig. Dies jedoch filmisch umzusetzen, ist schon etwas kurios. So dürften die meisten hier vor den Fernsehern sitzen und darauf warten, wann denn endlich mal ein „richtiger“ Mord geschieht. Klar darf auch in der Form gerätselt werden, wer denn den Butler innerhalb der Geschichte umgebracht hat. Aber das ist doch deutlich weniger spannend, als wenn man entweder selbst Teil der Gruppe ist oder alternativ der Eindruck erweckt wird, es handele sich um ein reales Verbrechen.
Humor an der Meta-Grenze
Was dem Film aber an klassischer Mordsspannung fehlt, das macht er durch Humor wieder wett. So hadern beispielsweise die beiden Kommissare damit, in ihrer Freizeit Polizisten spielen zu müssen. Dass auch die Kommissare selbst nur gespielt sind, gibt Tatort: Mord unter Misteln eine leichte Meta-Note. Die Regeln des Filmgenres werden aufgebrochen und zum Teil mit denen des Gesellschaftsspiels überlagert. Dabei verschwimmen die Grenzen zunehmend auch, wenn an manchen Stellen nicht mehr klar ist, ob die Schauspieler und Schauspielerinnen nun in ihren Filmrollen oder den Spielrollen unterwegs sind. So ganz konsequent ist Drehbuchautor Robert Löhr (Enkel für Anfänger) bei diesen Grenzgängen dann aber doch nicht. Wo beispielsweise See How They Run über einen Mord bei einem zu verfilmenden Krimitheaterstück wirklich Krimi und Meta-Komödie in einem ist, da ist die deutsche Ausgabe genügsam.
Aber sie ist doch ganz nett. Anstatt hier im Kopf richtig viel Theorien zu wälzen oder mitzuzittern, ob es vielleicht noch jemand anderen aus der Runde erwischt, darf man sich hier ganz entspannt zurücklehnen. Das weihnachtliche Ambiente lädt dazu ein, es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, mit Plätzchen und einem wärmenden Tee. Vielleicht auch einer heißen Schokolade. Als Ausklang des Krimijahres ist das sicher etwas wenig. Wer das braucht und will, greift dann doch lieber zu den zahlreichen Kollegen, die auch beim Endspurt noch losziehen, um die Verbrechen dieser Welt einzufangen. Aber Tatort: Mord unter Misteln ist doch eine hübsche und irgendwie sympathische Alternative, um nach all der Hektik wieder zur Ruhe zu kommen.
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