Im Rosengarten
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Im Rosengarten

Im Rosengarten
„Im Rosengarten“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

„Ich bin ein absolutes Wrack“. Das sagt Rapstar „FTHR“, alias Yak (Kostja Ullmann), auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Das Hamsterrad des Musikgeschäfts lässt den Sänger mit syrischen Wurzeln zusammenbrechen. Genau in diesem Moment erhält Yak den Anruf, dass sein Vater (Husam Chadat), von dem er 30 Jahre nichts mehr gehört hat, in einem Kölner Krankenhaus im Koma liegt. Dort angekommen, erfährt er auch, dass er eine 15-jährige Halbschwester namens Latifa (Safinaz Sattar) hat, um die er sich nun kümmern muss. Der strauchelnde Musiker will sich vor der Aufgabe drücken, doch die weder Deutsch noch Englisch sprechende Halbschwester beißt sich an ihm fest wie eine Klette. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Deutschlandreise, die eigentlich ein Trip zu einer ganz anderen „Heimat“ ist: der eines Migranten der zweiten Generation.

Deutschland im Winter

Ein Mann fällt auf der Bühne um. Im Gegenschnitt stürzt eine Frau von einem Turm. Die eine Szene ist real, die andere ein Traum. Die eine realistisch fotografiert, die andere überhöht, verzaubert, märchenhaft. Immer wieder mischen sich surreale Einstellungen in die Handlung. Oder besser gesagt: treiben sie voran. Denn es ist das Verdrängte und Unbewusste, das Yak durch die Welt taumeln lässt, erst von Berlin nach Köln, dann zu seinem alten Kumpel Art (Tom Lass) und später in den Schwarzwald, wo seine Jugendliebe Fee (Verena Altenberger) im Begriff ist, zu heiraten. Regisseur Leis Bagdach unterlegt sein Roadmovie durchs winterliche Deutschland mit arabischen Klängen eines traditionellen Saiteninstruments. Wie sich herausstellen wird, kann auch Yak darauf spielen. Die innere Not, die den Musiker zu einem Getriebenen macht, spiegelt sich in den (Traum)bildern und auf der Tonspur.

Im Rosengarten reiht sich ein in eine Serie migrantischer Filme, die von den Gefahren der Überanpassung erzählen. Ähnliches hat Kanwal Sethi in Was von der Liebe bleibt (2023) thematisiert, und auch Angelina Maccarones demnächst anlaufender Ensemblefilm Klandestin (2024) zeigt in einem seiner Erzählstränge die Problematik der hier Geborenen auf. Oft wollen sie sämtliche Wurzeln kappen, so deutsch sein wie nur möglich. Sie strengen sich mehr an als andere und haben damit Erfolg. Aber irgendwann merken sie, dass sie auf dem Holzweg sind, so wie Yak, der im tiefen Schwarzwald auf heftigen Fremdenhass trifft, obwohl er das kleine Dorf mit viel größerem Recht Heimat nennen könnte als die pöbelnden Deutschtümler. Zu den berührendsten Momenten gehört deshalb, wie Yak und seine Halbschwester Latifa ausgerechnet in einem Flüchtlingsheim Schutz und Solidarität finden, unter ihnen unbekannten Leuten, die sie wie Bruder und Schwester aufnehmen.

Tattoo unter dem Auge

Zu den mutigen Entscheidungen von Drehbuchautor und Regisseur Leis Bagdach zählt auch, Kostja Ullmann mit der Hauptrolle zu betrauen, also einen Schauspieler deutscher Herkunft, allen identitätspolitischen Debatten zum Trotz. Der Mann mit dem Komödien- und Sonnyboy-Image spielt den heruntergekommenen Musiker mit dem Tattoo unter dem Auge mit großer Einfühlungskraft, höchst präsent und absolut glaubwürdig in seiner inneren Zerrissenheit. Hätte man keinerlei Vorab-Infos über den Film, würde man den Schauspieler wohl tatsächlich für einen Mann mit syrischen Wurzeln halten.

Der Besetzungscoup baut neben den filmischen Mitteln auch eine Brücke zu jenem Teil des Publikums, das über keine migrantischen Erfahrungen verfügt. Auch wenn wohl nur Zugewanderte der zweiten Generation die volle Tiefe von Yaks inneren Qualen nachvollziehen können, weitet der Film den Identitätskonflikt zu einer universellen Erfahrung, indem er vom Verlassenwerden und von selbst gewählter Einsamkeit erzählt. „Ich brauch‘ hinter mir kein Team“, rappt der Sänger trotzig in grimmigen Wiederholungsschleifen, bis er irgendwann die Kassette seines ersten Erfolgsalbums wütend aus dem Fenster wirft. Im Rosengarten ist auch eine Geschichte über das verspätete Erwachsenwerden, die Übernahme von Verantwortung und das Ende eines zerstörerischen Ego-Trips.

Credits

OT: „Im Rosengarten“
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Leis Bagdach
Drehbuch: Leis Bagdach
Musik: Maya Youssef
Kamera: Andreas Bergmann
Besetzung: Kostja Ullmann, Safinaz Sattar, Husam Chadat, Verena Altenberger, Tom Lass

Trailer

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Im Rosengarten
fazit
„Im Rosengarten“ schildert die Gefahr der Überanpassung von Migranten der zweiten Generation an die Mehrheitsgesellschaft. Leis Bagdach mischt Traumbilder in seine Deutschlandreise, die vom Verdrängten erzählen, das sich seinen Weg an die Oberfläche bahnt.
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