Zwei Jahre nach dem gigantischen Erfolg von Die drei ???: Erbe des Drachen gibt es in der Fortsetzung Die drei ??? und der Karpatenhund ein Wiedersehen mit den drei Nachwuchsdetektiven. Dieses Mal bekommen es Justus Jonas (Julius Weckauf), Peter Shaw (Nevio Wendt) und Bob Andrews (Levid Brandl) mit einer unheimlichen Wohnung zu tun und müssen eine verschwundene Skulptur wiederfinden, die jemand aus einer Wohnanlage gestohlen hat. Ulrich Tukur spielt in dem Kinderkrimi den Galeristen Mr. Prentice, der den Jungs den Auftrag erteilt. Wir haben uns zum Kinostart am 23. Januar 2025 mit dem Schauspieler über den Sinn von Kunst, den Reiz von Krimis und menschliche Abgründe unterhalten.
Warum haben Sie Die drei ??? und der Karpatenhund gedreht? Was hat Sie an dem Projekt gereizt?
Es waren ganz profane Gründe: Ich wollte mal nach Gran Canaria, und ich hatte noch nie einen Kinderfilm gedreht. Außerdem hat mir Tim Dünschede beim Kennenlernen sehr zugesagt. Gute Energie, Humor und Selbstironie. Mit dem Phänomen der Drei ??? war ich nicht vertraut; ich stamme aus einer Generation, die mit Enid Blytons Fünf Freunde groß wurde.
Wobei es Die drei ??? aber auch schon in den 1960ern gab.
Das stimmt, seit 1968. In der Zeit habe ich aber schon Das Kapital von Karl Marx gelesen.
Haben Sie sich für den Film dann damit auseinandergesetzt?
Meine Frau, die damit groß wurde, hat mir die Welt der drei Detektive dann nahe gebracht und mir erklärt, worum es dabei geht. Es sei eine Geschichte über Freundschaft, ein Gemeinschaftserlebnis dreier Jungs, die sich zusammenschließen, auf einem Schrottplatz leben und als selbsternannte Ermittler Abenteuer bestehen, eigentlich angenehm altmodisch und ganz ähnlich dem, was ich schon bei Enid Blyton las. Mir hat gefallen, dass die Drei ??? ohne virtuelle Welten, Computer und dem ganzen grässlichen Schnickschnack moderner Unterhaltung auskommen. Dass sie sich noch in der realen, analogen Welt bewegen und junge Menschen begeistern.
Vermissen Sie diese Zeit?
Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch anders erlebt habe. Ich bin auf dem Land großgeworden. Wir besaßen einen Radioapparat, einen Schallplattenspieler und ein Telefon aus Bakelit. Der Fernsehapparat kam erst später, in den 70er Jahren. Wir haben draußen gelebt und uns die Knie blutig geschlagen. Wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder heute die Welt in einem künstlichen Ausschnitt, auf einem Mini-Bildschirm erleben, und dabei von früh bis spät mit manipulierten Bildern gefüttert werden und keine eigene Bilderwelten mehr erzeugen, dann ist das nicht nur todtraurig, es ist die Zerstörung der eigenen Phantasie. Für den Fortgang unserer Gesellschaft und unserer Demokratien bedeuten lahmgelegte Menschen nichts Gutes.
Ein solcher Film ist natürlich für uns reizvoll, die mit dieser analogen Welt aufgewachsen sind und sich an früher erinnern können. Aber worin liegt der Reiz für ein heutiges junges Publikum, das das so nie erlebt hat?
Ich weiß das von meinen eigenen Konzerten. Wir machen im besten Sinne altmodische Musik, Tanzmusik, Swing und Jazz, spielen aber mit der musikalischen Form und unterlaufen sie. Unser Publikum ist sehr gemischt. Auf der einen Seite die Älteren, die sich noch erinnern, dann aber auch viele junge Leute, die neugierig sind und ganz begeistert, weil sie so etwas noch nie gehört haben, hübsche Melodien, lustige Texte. Das macht ihnen riesigen Spaß. Was für uns altmodisch ist, vielleicht sogar altbacken, ist für die auf einmal aufregend und neu. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei Die drei ??? so ähnlich ist.
Sie haben gemeint, dass es Ihr erster Kinderfilm war. Wie war die Erfahrung für Sie?
Tim Dünschede hat das wirklich toll gemacht, mit viel Humor. Es ist ja nicht leicht, eine solche Horde zusammenzuhalten. Das sind Jugendliche, die sind einfach nicht so diszipliniert. Außerdem war Gran Canaria ein großartiges Erlebnis. Ich durfte die Insel in der Abgründigkeit eines unappetitlichen Massentourismus erleben, aber auch in ihrer unglaublichen natürlichen Schönheit. Solche Dreharbeiten sind Lebenszeit, und man muss das nutzen. Das Land betrachten, in die Museen gehen, sich in der Natur bewegen. Wussten Sie, dass die Ureinwohner dort bis zur Eroberung durch die Spanier im frühen 14. Jahrhundert noch in der Steinzeit lebten? Das waren archaische Gemeinschaften mit religiösen Kultstätten, die sich in Höhlen und auf Felsen im Inselinneren befinden. Als ich einen solch magischen Ort erklommen hatte, einen Fels in fast 2000 m Höhe und mich einer ausgelöschten Kultur plötzlich ganz nahe fühlte, ertönt hinter mir eine Stimme im breitesten Hessisch: „Verzeihung, sind Sie net der Schauspieler, der im Tatort spielt? Und können wir ein Selfie machen?“ Da war der ganze Zauber innerhalb von einer Sekunde weg.
In dem Film spielen Sie einen Galeristen, also jemanden, der viel mit Kunst zu tun hat. Es wird in dem Film aber auch darüber diskutiert, ob das alles tatsächlich Kunst ist. Als jemand, der selbst viel im künstlerischen Bereich tätig ist, wie würden Sie Kunst denn definieren? Was bedeutet für Sie Kunst?
Kunst ist die Verzauberung des Lebens. Kunst ist das, was unser schwieriges, fragiles Leben erträglich macht. Man braucht die Kunst, um die amorphe Wirklichkeit in eine Form zu bringen, die man verstehen und genießen kann. Ein gutes Gedicht kann dir die Kraft geben, mit einem Tatbestand umzugehen, der dich sonst vielleicht verzweifeln ließe. Das ist auch bei einem Gemälde so, in dem man sich verliert. Oder ein wunderbares Musikstück. Oder Skulpturen. Ich war unlängst im Archäologischen Museum von Neapel, und es ist wirklich unglaublich zu sehen, was Menschen vor zwei-, dreitausend Jahren geschaffen haben. Dein Leben wird einfach reicher und schöner, es bliebe sonst grau und endlich.
Kunst als Eskapismus also?
Das nicht unbedingt. Kunst ist der Versuch, den seelischen Aggregatszustand des Menschen zu verändern, positiv zu beeinflussen.
Es gibt aber auch Kunst, die eher wehtun will.
Das stimmt, die gibt es auch. Man kann mit Kunst alles machen. Sie können sogar Gemälde mit Säure oder Skulpturen mit Farbe beschmeißen und behaupten, das sei Kunst. Nicht mein Ansatz. Ich will durch Kunst verzaubert werden.
Und welche Kunst nehmen Sie, um die Welt erträglich zu machen?
Ich persönlich stehe auf gute, elegante Unterhaltung. Angefangen habe ich mit Jazz. Ich bin ein absoluter Jazz-Fan, für mich ist Jazz die beste Popmusik der Welt. Richtig guter Jazz geht ab, das swingt, das macht Spaß. Musik ist für mich die Königin der Künste, sie zielt direkt in die Herzen der Menschen und braucht nicht den Umweg über den Kopf. Mit vier Stunden Theater kriegen Sie nicht das hin, was ein guter Operntenor in 15 Sekunden erreicht.
In dem Film wird eine Wohnanlage zu einem Mikrokosmos, in dem die unterschiedlichsten Menschen leben. Dabei fällt auf: Die wohnen zwar alle nah beieinander, haben aber nichts miteinander zu tun. Wollen sie auch nicht. Wie kommt das?
Das ist etwas, das ich nicht wirklich verstehe. Die Menschen sind wohl einfach so. Ich lebe zur Zeit in einem kleinen Dorf in Süditalien und liebe es wirklich. Aber selbst in einem solchen, noch einigermaßen intakten Ort findest du zerstrittene Familien, die nicht miteinander reden, weil irgendjemand irgendwann irgendetwas falsch gemacht hat. Und das trägt sich dann einfach weiter. Ich weiß nicht, warum es so schwierig ist, aufeinander zugehen und sich das Leben leichter machen. Wer sich entschuldigt, bricht sich keinen Zacken aus der Krone, er beweist Stärke. Wir brauchen wieder eine Kultur der Höflichkeit, ganz ohne Form geht es eben nicht. Warum lösen wir nicht all die lärmenden Parteien auf und gründen eine Partei der Höflichkeit, die uns zeigt, dass es sich lohnt, den anderen zuzuhören?
Sie haben vorhin schon den Tatort erwähnt, der ebenso wie Die drei ??? ein Krimi ist. Was macht diese Filme so interessant? Gerade in Deutschland ist das Genre ja sehr beliebt.
Mord und Totschlag waren immer interessant, egal in welchem Land. Was glauben Sie, was ich in Italien angefeindet wurde, als ich in der letzten Folge von Kommissar Rex Herrn Moretti erschoss! Menschen lieben den Abgrund, solange sie selbst nicht hineinfallen. Sie gruseln sich wohlig, wenn anderen Schlimmes geschieht, weil sie eben selbst davon verschont werden. Das Unglück und die Erniedrigung anderer bedeutet oft die vermeintlichen Erhöhung seiner selbst. Eine schäbige Haltung, aber auch eine sehr menschliche.
Aber ob die dann auch die Partei der Höflichkeit wählen?
Was weiß ich? Aber wenn ich wenigstens Sie davon überzeugt habe, demnächst die PdH zu wählen, ist das schon mal ein guter Anfang.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Anzeige)