
Die allein erziehende Aurora Greenway (Shirley MacLaine) erstickt ihr einziges Kind Emma (Debra Winger) geradezu in Fürsorglichkeit. Das geht schließlich sogar so weit, dass sie ihr die Hochzeit mit dem Universitätsdozenten Flap Horton (Jeff Daniels) wieder auszureden versucht. Aber Emma hat mittlerweile gelernt, ihre eigenen Entscheidungen zu fällen und sich gegenüber ihrer dominanten Mutter zu behaupten. Als Flap in Iowa eine Stelle angeboten bekommt, zieht die mittlerweile um den Sohn Tommy erweiterte Familie aus Texas fort und geht somit auch auf räumliche Distanz zu Aurora. Diese nimmt kurz darauf ihren ganzen Mut zusammen und verabredet sich mit ihrem ungefähr gleichaltrigen Nachbarn Garrett Breedlove (Jack Nicholson) zum Mittagessen. Bislang hatte sie um den Astronauten, der überwiegend Umgang mit deutlich jüngeren Damen pflegt, einen weiten Bogen gemacht. Nachdem Emma und Flap zwei weitere Kinder bekommen haben, ziehen dunkle Wolken in ihrer Ehe auf.
Eine amerikanische Familie
Im Jahr 1984 zählte Zeit der Zärtlichkeit zu den größten Kritikerlieblingen des US-Kinos. Zahlreiche Preise (Golden Globes, National Board of Review Awards, …) hatte James L. Brooks für sein Regie-Debüt bereits ergattern können, als er mit elf Nominierungen auch ins Oscar-Rennen ging. Fünf davon wurden schließlich an Zeit der Zärtlichkeit verliehen, allesamt in den Königskategorien – als bester Film, für das beste Drehbuch (James L. Brooks), für die beste Regie, für die beste weibliche Hauptrolle (Shirley MacLaine) und für die beste männliche Nebenrolle (Jack Nicholson). Debra Winger und John Lithgow, die für diesen Film ebenfalls nominiert waren, mussten sich der Konkurrenz aus dem eigenen Film geschlagen geben. Im Laufe der Jahre hat die Verfilmung eines Romans des bekannten texanischen Schriftstellers Larry McMurtry (1936-2021; The Last Picture Show) kaum etwas von ihrer Popularität eingebüßt, die exzellenten Schauspielerleistungen und die clevere und empathische Adaption der geschriebenen Vorlage können auch heute noch uneingeschränkt überzeugen. Im Jahr 1996 wurde auch McMurtrys Fortsetzung „The Evening Star“ (auf Deutsch: Jahre der Zärtlichkeit) verfilmt. Unter der Regie von Robert Harling waren aus dem Original-Cast allerdings nur noch MacLaine und Nicholson mit von der Partie.
Wie die meisten Werke Larry McMurtrys ist auch Zeit der Zärtlichkeit deutlich im US-Staat Texas verortet, der für die Geschichte nicht nur den entsprechenden Hintergrund und das Lokalkolorit liefert, sondern sich auch in der Ausdrucks- und Verhaltensweise seiner Protagonisten niederschlägt. Über mehrere Dekaden hinweg entfaltet der Autor hier die Geschichte einer in weiten Teilen typisch amerikanischen Familie, deren Schicksal von Trennungen, Kinderkriegen, Fremdgehen und Krankheit bestimmt wird. Im Mittelpunkt steht zweifelsfrei die exzentrische und überaus dominante Matriarchin Aurora Greenway, die von Shirley MacLaine (Das Mädchen Irma La Douce) mit großer Leidenschaft und enormer Wandlungsfähigkeit verkörpert wird. In der ersten Filmhälfte ist diese Figur eher nervtötend und peinlich, man leidet mit ihrer Filmtochter Emma aufgrund der Bevormundungen und Launenhaftigkeit, die Aurora immer wieder an den Tag legt. Aber im Laufe des Films werden weitere Facetten ihres Charakters deutlich, die uns Aurora wesentlich sympathischer machen und mit ihr mitfühlen lassen.
Die schwierige Mutter
Gegen diese Präsenz zu bestehen, noch dazu bei einer Vollblutschauspielerin wie Shirley MacLaine, ist nicht gerade einfach, aber James L. Brooks ist es 1983 gelungen, ein insgesamt höchst bemerkenswertes Ensemble vor der Kamera zu versammeln. Debra Winger war damals dank ihrer Rollen in Urban Cowboy mit John Travolta und Ein Offizier und Gentleman mit Richard Gere einer der größten weiblichen Nachwuchsstars in Hollywood. Wesentlich komplizierter war es nach Aussage von Brooks, einen männlichen Star für die Rolle des Nachbarn zu finden, da dieser erst an dritter Stelle genannt werden würde und hinter den beiden weiblichen Rollen zurückstecken musste. Jack Nicholson übernahm diesen Part ohne jegliche Allüren.
Aber eine wunderbare Besetzung allein ist bei solch einem Stoff noch keine Garantie, dass das Ergebnis nicht dennoch allzu sentimental und gefühlsduselig ausfällt. Denn Larry McMurtry verschont sein Publikum nicht, die Geschichte ist voller Schicksalsschläge und familiärer Dramen. Hier gilt es, das vorzügliche Gespür von James L. Brooks noch einmal deutlich hervorzuheben, der später mit Filmen wie Besser geht’s nicht (für den Jack Nicholson einen weiteren Oscar erhalten sollte) oder Spanglish auf der Erfolgsspur blieb. Denn seine Ursprünge in US-Comedy-Serien (Mary Tyler Moore Show, Taxi) haben sicherlich ein gutes Stück dazu beigetragen, dass er bei Zeit der Zärtlichkeit die humorvollen Aspekte betonte und trotz der traurigen Aspekte der Ereignisse auch stets deren komisches Potenzial auszuschöpfen verstand.
So hat James L. Brooks hier recht alltägliche Geschichten einer amerikanischen Familie dank dem überzeugenden Spiel seiner exzellenten Darstellerriege zu einem echten Filmerlebnis gemacht, das von einer großen Ehrlichkeit geprägt ist und bei dem echte Gefühle jegliche Sentimentalität direkt im Keim ersticken. Die BluRay-Wiederveröffentlichung von Paramount bietet ein sehr scharfes Bild (im Widescreen-Format 1,78:1), bei dem das Filmkorn noch erkennbar ist. Der Ton liegt lediglich in der englischen Originalversion im DTS HD Master Audio 5.1 vor, die deutsche, französische und italienische (sowie eine restaurierte englische) Sprachfassung gibt es lediglich in Dolby Digital 2.0 Mono. Untertitel sind in diesen Sprachen sowie auf Japanisch und Niederländisch und auf Englisch für Hörgeschädigte verfügbar. Die Extras bestehen aus einem Audiokommentar von Regisseur James L. Brooks mit Produzentin Penny Finkleman Cox und Ausstatterin Polly Platt, dem Special „Aus der Sicht des Filmemachers mit James L. Brooks“ aus dem Jahr 2023 (14 Minuten) sowie dem englischen Original-Kinotrailer.
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