
Special Operation, der neue Film des ukrainischen Filmemachers Oleksiy Radynski, ist kein typischer Dokumentarfilm. Statt Interviews, Off-Kommentaren oder Reenactments verlässt sich der Film vollständig auf Originalmaterial, das im Februar und März 2022 im und um das Atomkraftwerk Tschernobyl aufgenommen wurde. Schon in den ersten Stunden der russischen Invasion hatte die Armee das seit der Katastrophe von 1986 stillgelegte AKW besetzt und es in eine provisorische Militärbasis verwandelt. Radynski greift ausschließlich auf Aufnahmen von Überwachungskameras zurück, die von ukrainischen Arbeitern des Kraftwerks heimlich gesteuert und gesichert wurden.
Diese Entscheidung verleiht dem Film eine beklemmende Authentizität, die sich nicht durch filmische Mittel oder nachträgliche Bearbeitung aufdrängt, sondern allein durch die ungeschminkte Realität, die diese Kameras einfangen. Die Perspektive bleibt distanziert, fast voyeuristisch, während sich der Alltag eines Krieges entfaltet: Man sieht russische Soldaten, die das Verwaltungsgebäude durchkämmen, Kameras abkleben oder umdrehen, Lastwagen, die mit Nachschub eintreffen, und ab und zu auch Journalisten, die das Leben in dieser improvisierten Militärbasis dokumentieren. Dabei sieht man keine direkten Gewaltszenen, hört aber in der Ferne immer wieder Schüsse und Explosionen.
Die stille Kraft der Bilder
Special Operation verzichtet konsequent auf jede Form von Erklärung oder narrativer Einordnung — ein Ansatz, der den Film gleichzeitig einzigartig und herausfordernd macht. Radynski vertraut darauf, dass die Bilder für sich sprechen, und in ihrer scheinbaren Banalität offenbaren sie eine schmerzhafte Wahrheit: Krieg ist nicht nur das Chaos der Schlacht, sondern auch das monotone Warten, das Organisieren von Nachschub und das Leben in einer absurden, selbstgeschaffenen Isolation. Dass sich die russischen Besatzer wochenlang in einem radioaktiv belasteten Gebiet aufhielten, weil sie glaubten, Kiew schnell einnehmen zu können, wird hier nicht explizit gesagt, aber die Sinnlosigkeit dieser Situation schwingt in jedem Bild mit.
Diese Zurückhaltung hat jedoch ihren Preis. Ohne Kontext oder Off-Kommentar bleibt der Zuschauer oft allein mit den statischen, fast meditativen Kameraeinstellungen. Was für Kenner der Ereignisse ein faszinierender Einblick ist, kann für weniger informierte Zuschauer schnell ermüdend oder gar verwirrend wirken. Die Intensität des Materials liegt nicht in klassischen Spannungskurven, sondern in der unaufgeregten Chronik eines Ausnahmezustands. Gerade diese formale Strenge macht den Film jedoch auch zu einem herausfordernden Seherlebnis, das mehr fordert, als es unmittelbar belohnt.
Ein ungeschminkter Blick, der fordert
Special Operation feierte seine Weltpremiere bei der Berlinale 2025 in der Sektion Forum Expanded und wirkt dort genau richtig platziert: als cineastisches Experiment, das sich jedem Sensationalismus verweigert. Die Abwesenheit eines allwissenden Kommentars oder klassischer Dramaturgie ist gleichermaßen die größte Stärke und Schwäche des Films. Radynski liefert keinen einfachen Zugang zu den Geschehnissen, sondern fordert sein Publikum heraus, selbst zu beobachten, zu deuten und zu fühlen. Das Ergebnis ist ein Film, der gerade durch seine radikale Zurückhaltung wirkt — und vielleicht erst mit etwas zeitlichem Abstand vollständig verstanden werden kann. Ein stiller, aber unvergesslicher Beitrag zur filmischen Auseinandersetzung mit einem Krieg, der noch immer nicht vorbei ist.
Spannend ist dabei auch der Vergleich zu Radynskis Kurzfilm Chornobyl 22, der das gleiche Thema behandelt und 2023 den Großen Preis der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen gewann. Während dieser noch heimlich gemachte Handyaufnahmen und Interviews mit Anwohnern und Angestellten des Kraftwerks integriert, setzt „Special Operation“ konsequent auf die Distanz der Überwachungskameras. Beide Filme beleuchten die Absurdität und Tragik der Besetzung Tschernobyls.
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