The Best Mother in the World A melhor mãe do mundo
© Aline Arruda

The Best Mother in the World

The Best Mother in the World A melhor mãe do mundo
„The Best Mother in the World“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Die liebevolle Mutter Gal (Shirley Cruz) möchte den Fängen ihres trinkenden, fremdgehenden, gewalttätigen Partners Leandro (Seu Jorge) entfliehen, nachdem er ihr abermals im Suff ins Gesicht schlug, weil sie keinen Sex mit ihm wollte. Kurzum packt sie ihre beiden Kinder Rihanna (Rihanna Barbosa) und Benin (Benin Ayo) auf ihren mit blechern klingendem Radio und Flagge des Corinthians-Fußballclubs gepimpten Wagen, den sie für ihren Job als Müllsammlerin benutzt und aus eigener Kraft zieht, und macht sich quer durch die Stadt auf zu ihrer Cousine, bei der sie hofft, zumindest kurzzeitig unterzukommen. Doch wäre sie da wirklich in Sicherheit?

„Ein großes, aufregendes Abenteuer“

Um den mutmaßlich nichtsahnenden Kindern beizubringen, warum sie diesen beschwerlichen Weg nun antreten müssen, erfindet Gal das Narrativ eines Abenteuers mit allem Drum und Dran: Essen aus dem Restaurant (ein älterer Herr, den Gal als Vaterfigur betrachtet, kocht für Arbeitende auf dem Mülldepot), Zelten (sie wirft eine Plane über den Wagen, in dem die Kinder schlafen), Baden (sie plantschen in einem städtischen Springbrunnen herum, nachdem Gal Polizisten ablenkt). Es wird sofort ersichtlich: Diese Mutter würde nicht nur alles für ihre Kinder tun, sondern tut auch wirklich alles. Egal welche Schwierigkeiten, von denen es genug gibt, ihr in den Weg geworfen werden – sie kämpft, sie findet Lösungen, um bloß nicht wieder zu ihrem überaus toxischen und manipulativen Mann zurückkehren zu müssen und vor allem, um ihre Kinder zu beschützen.

Dabei wird ein von Authentizität strotzender Querschnitt durch diesen Aspekt der brasilianischen Gesellschaft, der von Armut, Ausbeutung und Patriarchat geprägt ist, gezogen. Das wichtigste und beeindruckendste ist, dass nie Menschlichkeit und Optimismus vergessen werden, obwohl die harte Lebensrealität mit all ihren Wirrungen und Schicksalsschlägen abgebildet wird. Über die gesamten 105 Minuten, in denen trotz der ausweglos scheinenden Lage immer wieder gewitzelt, gelacht und getanzt wird, tanzt die Anspannung mit: Jede Sekunde könnte etwas Schreckliches passieren, aber irgendwie bekommt man dann doch das Gefühl bzw. die Hoffnung, dass alles schon okay wird, gerade wenn man der exzellenten Dynamik zwischen Gal und ihren mal aufmüpfigen, mal erstaunlich erwachsen reagierenden Kindern folgt.

Unbändige Willenskraft und mütterliche Liebe

In The Best Mother in the World sieht man sich vom bloßen Zusehen als Teil der kleinen, sympathischen Familie und ist traurig, sobald der Abspann einsetzt und man sich somit nicht mehr in derselben Welt befindet. Die Regisseurin Anna Muylaert (Der Sommer mit Mamã) schafft es meisterhaft, von Beginn an zu emotionalisieren und Mitgefühl für Gal und ihre Kinder zu schaffen. Jegliches Mitleid, was dabei für ihr Schicksal verspürt werden könnte, wird jedoch von ihrer unbändigen Kraft und unvergleichlichen Willenskraft übertönt. Alles an dem Trio ist sympathisch, all ihre Motive und Gefühle nachvollziehbar, gerade Gals innere Zerrissenheit, ihren Partner ja doch trotz alledem zu lieben, trifft leider auf viele dysfunktionale Beziehungen zu.

Umso bewundernswerter ist ihre Resilienz, umso widerwärtiger ist das Verhalten der Männer um sie herum, umso tragischer sind die Gedankengänge ihr nahestehender Frauen, die in ähnlichen Abhängigkeitssituationen verbleiben. Visuell erlaubt sich der Film zwar keine Experimente, muss er jedoch auch nicht: Die Bilder sind gestochen scharf, aber wirken gleichzeitig so real und lebendig, wie es ihnen eine professionelle Spielfilmproduktion eben erlaubt.



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The Best Mother in the World
fazit
Die phänomenale Schauspielleistung aller Beteiligten gerade der auftrumpfenden Kinderdarsteller*innen, die ergreifende Story, welche Lebensfreude und Leid verbindet, die kompromisslose Darstellung mütterlicher Liebe, die geförderte Selbstermächtigung in einer Welt voller Rassismus und Sexismus, der nichtsdestotrotz jederzeit durchscheinende, nicht verloren gehende Glaube an die Menschheit – all das ergibt ein unvergessliches Abenteuer.
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