Chas pidlotu Time to the Target
© Chas pidlotu
Chas pidlotu Time to the Target
“Time to the Target“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Lwiw, die westukrainische Metropole mit ihren belebten Straßen, Cafés und ihrer lebendigen Kulturszene, gleicht auf den ersten Blick vielen anderen europäischen Städten. Doch der russische Angriffskrieg, der seit fast drei Jahren andauert, ist allgegenwärtig – in den Gesichtern der Menschen, den Trauerzügen, die durch die Straßen ziehen, und den Beerdigungen, die den Alltag bestimmen. Der Dokumentarfilm Time to the Target von Vitali Manski, der auf der Berlinale Premiere feierte, ist eine schonungslose Chronik der Verluste, die dieser Krieg über die ukrainische Bevölkerung bringt – selbst in eine Stadt, die 1000 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt.

Musik für die Toten

Über zwölf Monate, vom Sommer 2023 bis zum Sommer 2024, begleitete der Regisseur das in Lwiw ansässige Orchester der Heeresakademie Hetman Petro Sahaidachny, dessen Hauptaufgabe es derzeit ist, bei Beerdigungen gefallener Soldaten zu spielen – an manchen Tagen bis zu sechs Mal. Ein Jahr lang dieselben Rituale: der Trauerzug, die Musik, die schmerzverzerrten Gesichter der Hinterbliebenen. Und immer wieder der Tod, der kein Ende nimmt. Manski, 1963 in Lwiw geboren, zählt zu den bedeutendsten Dokumentarfilmern des postsowjetischen Raums. Nach der Annexion der Krim 2014 verließ er Russland aus Protest und zog nach Lettland. Bereits mit Im Strahl der Sonne (2015), einem Einblick in das nordkoreanische Propagandasystem, machte er sich international einen Namen. Seine Filme Putins Zeugen (2018) und Gorbatschow. Paradies (2020) widmeten sich der politischen Entwicklung Russlands. Mit Time to the Target kehrt er nun filmisch in seine Heimatstadt zurück, um die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung zu dokumentieren.

Der Film beginnt im Sommer 2023 mit einer Probe des Orchesters. Die Musiker bereiten sich auf die Beisetzung dreier gefallener Soldaten vor – die erste von vielen. Doch Manski zeigt nicht nur Beerdigungen und die Militärkapelle: Totengräber, die unermüdlich neue Gräber ausheben. Plakatmacher, die Namen für Gedenktafeln drucken. Und zwischendurch das scheinbar normale Leben der Stadt. Touristen nehmen an Führungen teil, Straßenmusiker spielen die Nationalhymne, Menschen gehen ihrer Arbeit nach. Doch wer genau hinsieht, erkennt: Der Schatten des Krieges ist überall.

Eine Sprache der Bilder

Manski setzt auf eine strenge Filmsprache. Kein Off-Kommentar, keine erklärenden Texte. Er lässt die Bilder sprechen, nur ab und zu hört man die Stimmen der Orchestermitglieder. Ein Musiker erzählt von seinem Sohn, der an der Front schwer verwundet wurde. Ein anderer, ein ausgebildeter Pianist, spielt nun die Trommel – Pianisten werden im Militärorchester nicht gebraucht. Die einzige Musik im Film ist die des Orchesters und der Kapellen, die die Trauerfeiern begleiten. Mit den Jahreszeiten wechseln die Szenerien. Herbst, Winter, Frühling – doch der Krieg bleibt. Die Beerdigungen nehmen nicht ab. Der Soldatenfriedhof auf dem Marsfeld wächst immer weiter. Besonders eindringlich ist die posthume Ehrung gefallener Soldaten: Mütter, Witwen und Kinder nehmen Ehrenabzeichen entgegen. Ihre Trauer ist greifbar, doch der Regisseur filmt sie mit Zurückhaltung, ohne ins Voyeuristische abzurutschen. Die Todesdaten auf den Auszeichnungen zeigen, dass dieser Krieg nicht erst im Februar 2022 begann – viele stammen aus der Zeit der Krim-Annexion 2014.

Trotz der allgegenwärtigen Trauer gibt es auch Alltag, den Versuch, Normalität zu bewahren. Der Film zeigt den Beginn eines Schuljahres, eine Stadtführung, eine Opernaufführung, die Geburt eines Kindes. Das Leben geht weiter – stets unterbrochen von Luftalarmen, die die Illusion von Normalität jederzeit zerreißen können. Doch immer wieder blitzt Hoffnung auf. „Eines Tages werden wir wieder nicht nur auf Beerdigungen spielen“, sagt der Leiter des Orchesters gegen Ende des Films. Ein Satz, der über den Film hinausweist. Mit 177 Minuten ist Time to the Target lang – vielleicht zu lang. Die ständige Wiederholung der Beerdigungen lässt den Zuschauer abstumpfen, doch genau das scheint Manskis Absicht zu sein: die Monotonie des Sterbens, die Endlosigkeit der Trauer, die zur bitteren Normalität geworden ist. Am Ende steht eine Widmung: “With Love To My Hometown Lviv.” Und das ist der Film im Endeffekt: Eine Liebeserklärung an eine Stadt, die trotz Krieg, trotz täglicher Verluste, weiterlebt.



(Anzeige)

Time to the Target
fazit
Mit “Time to the Target“ zeichnet Vitali Manski ein schonungsloses Bild der allgegenwärtigen Trauer in Lwiw, einer ukrainischen Stadt, die trotz ihrer Entfernung zur Front vom Krieg gezeichnet ist. Ohne Kommentar und bildgewaltig zeigt er die Monotonie des Sterbens, die zur bitteren Normalität geworden ist. Doch zwischen den Beerdigungen und der allgegenwärtigen Trauer schimmert immer wieder Normalität durch – und damit die Hoffnung auf ein Leben jenseits des Krieges.
Leserwertung0 Bewertungen
0
8
von 10