Michiel Blanchart bei der Deutschland-Premiere "Night Call" bei den Fantasy Filmfest White Nights 2025

Michiel Blanchart [Interview]

Michiel Blanchart ist ein belgischer Regisseur und Drehbuchautor. Sein Spielfilmdebüt Night Call – Überlebe die Nacht feierte seine Premiere auf dem Biarritz Film Festival im Juni 2024 und gewann dort den Publikumspreis. Danach war Night Call auf vielen anderen Festivals zu sehen, unter anderem auch auf den Fantasy Filmfest White Nights im Januar 2025. In Deutschland wird der Film am 28. Februar 2025 fürs Heimkino erscheinen.

Anlässlich des Heimkinostarts von Night Call spricht Blanchart im Interview mit film-rezensionen über die Figuren des Films, dessen pessimistischen Ton sowie die gesellschaftliche Stimmung, die als Inspiration für Night Call diente.

Night Call ist ein sehr spannender, actionreicher Film, der aber auch viele gesellschaftskritische Töne hat. Was wolltest du mit dem Film zum Ausdruck bringen?

Night Call ist ein Film über Gewalt und ihre Folgen. Leider leben wir gerade in seiner Zeit, in der Gewalt ein zentraler Bestandteil ist. Viel davon hat damit zu tun, wie unsere Welt funktioniert, was ich versuche, in meinem Film zum Ausdruck zu bringen. Die Figuren in Night Call versuchen alle aus einer für die schlimmen oder zumindest ungünstigen Situation zu entkommen. Eigentlich haben sie nichts gegeneinander, doch anstatt sich gegenseitig zu helfen, werden sie erbitterten Kontrahenten. Ein Faktor, der dabei eine wichtige Rolle spielt, ist natürlich das Geld. Um aus ihrer Situation zu entkommen, brauchen die Figuren das Geld und so werden sie zu Gegnern.

Ich hatte nie vor, einen politischen Film zu machen. Night Call ist in erster Linie ein Unterhaltungsfilm, doch zugleich wollte ich die Welt, in der wir leben, nachbilden in meinem Film. Letztlich ist aber alles, was wir machen, auf irgendeine Art und Weise politisch und hat Folgen, die wir nur schwer abschätzen können. Mady, die Hauptfigur in Night Call, erfährt das auf die harte Tour, als er in einer schwierigen Situation sich dagegen entscheidet, die Polizei zu rufen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Mady wäre wahrscheinlich nie auf die Idee gekommen, überhaupt die Behörden zu verständigen, denn seine Erfahrungen mit ihnen waren bislang nur negativ. Leider ist auch dieses Misstrauen in die Behörden und das System, das sie repräsentieren, ein zentrales Thema unserer Wirklichkeit.

Du bist kein Autor, der vor einem leeren Blatt oder dem Laptop sitzt und auf Ideen wartet, sondern einer, der lieber in die Welt hinausgeht und nach Ideen sucht. Gab es in der Gegend, wo du wohnst, einen konkreten Anlass, der dich auf die Idee zu Night Call brachte?

Das ist richtig. Ich würde zwar nicht sagen, dass ich während eines solchen Spaziergangs auf die Idee zum Film kam, aber da Night Call nun einmal ein Film ist, in dem sie Figuren viel rennen, ist es vielleicht nur natürlich, dass auch ich nicht nur vorm PC-Bildschirm saß während des Schreibens. Dennoch habe ich, wie die anderen Bewohner Brüssels wahrscheinlich auch, die Black Lives Matter-Proteste vor dem Gerichtsgebäude gesehen und miterlebt, wie die Stimmung zwischen der Polizei und den Demonstranten immer angespannter wurde. Zur gleichen Zeit erfuhr man in den Zeitungen sowie anderen Medien von Polizisten, die hart gegen Personen und Familien vorgingen, die ihre Bleibe verloren hatten. All dies spielte bei der Entstehung von Night Call eine Rolle, doch ich würde nicht sagen, dass er ein Anti-Polizei-Film ist. Vielmehr zweifelt er an der Autorität und dem System, das die Polizisten repräsentieren.

Eine wirklich sehr interessante und beeindruckende Sequenz ist die Verfolgung, die schließlich in einem der Black Lives Matter-Proteste übergeht und dann in einem brutalen Zusammenprall mit der Polizei endet. Kannst du etwas zur Entstehung dieses Moments in Night Call erzählen?

Schön, dass dir dieser Moment so im Gedächtnis geblieben ist. Diese Sequenz ist die ambitionierteste und teuerste in Night Call und wir brauchten lange, um die vorzubereiten und noch einmal so lange, bis wir sie im Kasten hatten. Jonathan Feltre, der Mady spielt, kam an dem Tag zu spät zum Dreh, weil er vorher noch ins Krankenhaus musste. Ihm ging es überhaupt nicht gut, er hatte den ganzen Tag über schreckliche Bauchschmerzen, was bestimmt mit dem Stress der Rolle zu tun hatte. Der ganze Film lastet auf seinen Schultern und als wir mitten in den Vorbereitungen für den Dreh der Verfolgung waren, wurde ihm dies wohl umso mehr bewusst. Nach ein paar Takes schien Jonathan aber vergessen zu haben, wie krank er war und er war wieder ganz in seiner Rolle.

Abgesehen von den Schauspielern war auch alles um sie herum eine Herausforderung. Wir hatten nur 200 Statisten, die eine Menschenmenge von etwa 5000 sein mussten. In jeder Szene, in der man eine Menschenmenge sieht, waren alle Statisten anwesend, wir haben sie vorher nur etwas durchgemischt, sodass es hoffentlich nicht auffällt, dass du als Zuschauer immer dieselben Menschen siehst.

Darüber hinaus gab es viele technische Details zu beachten, allen voran die zahlreichen Effekte, von Feuerwerkskörpern bis hin zu Rauchgranaten. Das meiste davon nimmt man als Zuschauer nur am Rande wahr, doch es trägt viel zu der Atmosphäre bei, die wir mit der Szene darstellen wollten.

Mich hat die Reaktion der Brüsseler gefreut, als in ihrer Heimatstadt Night Call im Kino lief. Sie fanden es witzig, die Stadt einmal in einem anderen Kontext zu sehen, da sehr wenige Genrefilme, vor allem Actionfilme, dort gedreht werden.

Mady ist ein interessanter Hauptcharakter, weil er nicht dem konventionellen Helden entspricht, da vieles, was er sagt und tut, alles andere als heldenhaft ist. Wie kamst du auf diese Figur und wie war die Zusammenarbeit mit Jonathan Feltre?

Mady ist eine Figur, die vieles widerspiegelt, was ich in der Welt sehe, wie ich anfangs schon sagte. Er ist einer, der im Hintergrund bleiben will, er will seinen Job machen, seinen Lebensunterhalt verdienen und mit allem anderen nichts zu tun haben. Es gibt eine Szene, in der ihm eine kleine Gruppe Menschen ihn überreden will, mit ihnen zum Protest zu gehen, jedoch winkt Mady nur ab. Mit Politik will er nichts zu tun haben.

Seine Mentalität, immer alles richtig machen zu wollen, kommt ironischerweise auch in seiner ersten Begegnung mit den Gangstern zum Tragen. Er ist bereit, alles zu tun, um aus seiner Situation zu entkommen und denkt dabei nicht an Andere oder wie er ihnen durch sein Verhalten schaden könnte. Er hinterfragt auch nicht großartig, wem er hier gerade in die Karten spielt oder welchem System er durch sein Handeln dient. Er will einfach keinen Ärger haben, sorgt aber dadurch bei anderen Menschen für sehr viel Ärger.

Was ich an dieser Figur spannend finde und leider sehr aktuell, ist, wie er die Welt wahrnimmt. Die Kamera ist immer ganz nah bei ihm und nimmt, wie er, alles um ihn herum, nur am Rande wahr. Er hat eine Art Scheuklappenblick, was ihn blind macht für den Schaden, den er verursacht. Während dieser einen Nacht geschieht jedoch etwas mit ihm, das ihn zwingt, diese Einstellung zu verändern und Konsequenzen aus seinem Handeln zu ziehen.

Night Call scheint visuell inspiriert zu sein von den Werken des Film Noir oder Filmen wie Mathieu Kassovitz’ Hass – La Haine. Was war deine Vision für den Look des Films?

Für den Look von Night Call habe ich mich eher an Filmen wie David Finchers Sieben orientiert oder an amerikanischen Horrorfilmen. Die Geschichte handelt von einer Nacht und davon, dass die Figuren eigentlich konstant unter Zeitdruck leiden. Sie sind immer auf der Suche, werden verfolgt oder müssen zu einer bestimmten Zeit an einem ganz bestimmten Ort sein. Die Nacht ist für mich eine Zeit, in der alles möglich ist und die Geheimnisse, die am Tag verborgen waren, an die Oberfläche gelangen. Mich faszinieren schon immer Geschichten, die einem deutlich machen, wie schnell sich ein Leben von einem Moment auf den anderen verändern kann, sowohl im Guten als auch im Schlechten. All diese Faktoren spielten eine Rolle bei Night Call, erzählerisch und visuell.

Was sind deine nächsten Projekte? Ich habe gehört, dass dein nächster Film von niemand geringerem als Sam Raimi produziert wird.

Das ist richtig. Es geht dabei um einen Kurzfilm, den ich vor einer Weile drehte und dessen Geschichte nun auf Spielfilmlänge erweitert wird. Das Drehbuch ist schon so gut wie fertig, sodass wir nun auf der Suche nach einer Besetzung sind. Solange wir aber noch nicht vollends grünes Licht für den Film haben, will ich nicht noch mehr darüber erzählen.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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