
Eigentlich hatten die Menschen einen schönen Tag erleben wollen, als sie in den Schwarzwald fuhren. Doch auf dem Weg nach unten kommt es in der Gondel zu einem Zwischenfall: Bei dem Streit um das Öffnen eines Fensters kommt es zu einem Handgemenge, einer der Passagiere stirbt dabei. Seither sind Sven Kucher (Benjamin Lillie) und seine hochschwangere Frau Nina (Pina Bergemann) auf der Flucht. Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) müssen nun herausfinden, was genau vorgefallen ist, wo sich das Paar aufhält. Dabei kommt es nicht nur zu Konflikten zwischen den beiden. Der Fall beschäftigt auch die Menschen da draußen, die Stimmung ist erhitzt, die Lage droht zu eskalieren …
Eine Welt voller Probleme
So unterschiedlich die meisten Fälle beim Tatort sind, folgen sie doch in der Regel dem guten alten Whodunit-Prinzip: Am Anfang wird ein Verbrechen entdeckt, oft ein Mord, danach muss herausgefunden werden, wer dieses begangen hat. Colonius war kürzlich ein Beispiel dafür, dort ging es darum, den Mord an einem ehemaligen Szenefotograf zu klären. Aber es gibt auch andere Geschichten in der Krimireihe. Letzte Woche in Borowski und das Haupt der Medusa wurde früh verraten, dass ein IT-Spezialist seine Mutter und andere Frauen getötet hat. Und auch bei dem neuen Teil Die große Angst weiß das Publikum, was vorgefallen ist. Es ist schließlich dabei, wenn die Lage in der Gondel außer Kontrolle gerät, aus einer Meinungsverschiedenheit Gewalt wird.
Die Frage bei dem Film ist dann auch nicht, was geschehen ist, sondern was geschehen wird. Eigentlich sollte das alles ja kein Problem sein. Aber wenn uns der 1297. Teil der ARD-Krimireihe eines lehrt, dann das: Alles kann zu einem Problem gemacht werden. Dafür braucht es nicht einmal eine plausible Erklärung, man kann es einfach geschehen lassen. Schon der Einstieg irritiert, wenn nicht ganz nachzuvollziehen ist, wie das derart eskalieren kann. Aber auch sonst baut Tatort: Die große Angst Konflikt und Konflikt und Konflikt ein. Beispielsweise fliegen zwischen Tobler und Berg die Fetzen, so sehr, dass man sich zwischenzeitlich fragt, ob die Folge die letzte mit dem Team sein soll. Das ist man so gar nicht von den beiden gewohnt, man versteht auch nicht wirklich, warum die Stimmung so gereizt sein soll.
Anstrengend bis nervig
Offensichtlich wollte Regisseurin und Drehbuchautorin Christina Ebelt (Monster im Kopf, Sterne über uns) etwas über die Gesellschaft aussagen. Denn es sind nicht nur die Streitereien in der Gondel und in dem Team, die behandelt werden. Im weiteren Verlauf geht es zunehmend darum, dass andere Menschen sich zusammenrotten, weil sie unbedingt die gerechte Strafe für das Paar wollen. Auch hier wird die heftige Reaktion nie wirklich greifbar, man fühlt sich bei Tatort: Die große Angst ständig in eine Parallelwelt versetzt. Wenn Ebelt etwas darüber sagen möchte, dass die meisten Menschen Idioten sind, dann ist ihr das gelungen. Man darf hier regelmäßig daran verzweifeln, wie enthemmt und irrational sich alle verhalten. Das macht den seltsam umständlichen Film aber nicht unbedingt sehenswert.
Er wird auch nie wirklich spannend, obwohl er das theoretisch sein könnte. Die meiste Zeit sind diese Streitereien vor allem anstrengend bis nervig, wenn sie frei von jeglicher Substanz sind. Auch später, wenn die Menschen das Gesetz in die eigene Hand nehmen wollen und man nur darauf wartet, dass sie alle Fackeln aus den Taschen zaubern, wird daraus kein Nervenkitzel. Dann und wann ist die pure Emotionalität in Tatort: Die große Angst beeindruckend, wenn alle Filter gleichzeitig ausfallen. Aber es hätte doch mehr gebraucht als das, um daraus einen lohnenswerten Sonntagabend zu machen. Auch wenn es prinzipiell zu begrüßen ist, wenn man sich von alten Formeln löst, sollte an deren Stelle doch etwas sein, das als Alternative taugt. Hier ist das nicht der Fall.
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